Was man bei mehrsprachigen Kindern vermeiden sollte
Es tut mir wirklich weh – und es passiert viel zu oft – wenn ich diesen Tipp höre:
„Wenn dein Kind in der Umgebungssprache mit dir spricht, dann tu so, als würdest du es nicht verstehen!“
Ebenfalls viel zu oft sehe ich Eltern, die ihre Kinder mit Vokabeln abfragen, als wären sie in einer Prüfung, oder Großeltern, die nachhaken: „Wie viele Wörter kannst du auf Deutsch sagen?“
Ein Kind mehrsprachig zu begleiten bedeutet nicht, es unter Druck zu setzen und Leistung von ihm zu verlangen. Ganz im Gegenteil!
Warum ist es keine gute Idee, so zu tun, als würdest du dein Kind nicht verstehen?
Kurz gefasst: Weil du dein Kind belügst und sein Vertrauen missbrauchst.
Die Wahrheit ist, dass du genau verstanden hast, was es sagt. Natürlich ist deine Sprache wichtig und deine Priorität, aber die Beziehung zu deinem Kind ist viel wichtiger.
Kommunikation ist ein wesentlicher Bestandteil eurer Beziehung, und sobald du so tust, als würdest du es nicht verstehen, stellst du die Mehrsprachigkeit über eure Beziehung. Das ist keine gute Idee, denn eure Beziehung kommt immer vor allem anderen.
Du stellst damit nicht nur die Bindung zu deinem Kind aufs Spiel, sondern riskierst durch den Druck auch, dass es deine Sprache mit negativen Gefühlen verbindet. Und wir wollen genau das Gegenteil erreichen!
Warum soll ich mein Kind nicht zwingen, meine Sprache zu sprechen?
Hast du schon mal so etwas wie diesen Satz gesagt?
„Ich gebe dir die Schokolade nur, wenn du mich auf Deutsch darum bittest!“?
Du meinst es sicher gut, aber dein Kind durch Erpressung dazu zu zwingen, deine Sprache zu benutzen, hilft nicht. Kurzfristig mag das vielleicht funktionieren, aber neben der Sprache lernt dein Kind dabei noch etwas anderes: dass dir deine Sprache wichtiger ist als seine Bedürfnisse. Es lernt, dass Erpressung ein guter Weg ist, um zu bekommen, was man will – auch von dir. Und es lernt, dass es sich auf eine bestimmte Art verhalten muss, um geliebt zu werden. In der LingFLoWS® Methode, für die ich ausgebildet bin, steht Bedürfnisorientierung im Mittelpunkt und genau deshalb empfehle ich Eltern, die ihre Kinder mehrsprachig begleiten, nichts zu forcieren.
Warum soll ich mein Kind nicht abfragen?
„Wie sagt man ‚Katze‘ auf Italienisch?“
„Und wie nennt Papa das auf Englisch?“
„Kannst du dieses Wort übersetzen?“
Als ich klein war, habe ich es gehasst, wenn meine deutschen Schulkameraden mich dazu gedrängt haben, etwas auf Italienisch zu sagen. Genauso bei unseren Besuchen bei italienischen Verwandten, die mich abfragten und wissen wollten, was ich alles auf Italienisch sagen kann.
Niemand mag es, abgeprüft zu werden, und noch viel weniger vor versammelter Mannschaft. Das Abfragen erhöht nur den Druck, und dein Kind wird dadurch kaum positive Gefühle mit deiner Sprache verbinden.
Ausnahmen kann es durchaus geben: Wenn du wirklich die Hilfe deines Kindes brauchst, weil es in einem Kontext mehr weiß als du, kannst du es natürlich fragen – das stärkt sein Selbstbewusstsein. Es sollte aber authentisch sein und nicht getan werden, um die Fähigkeiten des Kindes zu testen.
Warum spricht mein Kind immer in der Umgebungssprache mit mir?
Wenn dir dein Kind nicht in deiner Sprache antwortet, gibt es dafür sicher gute Gründe – und es liegt weder an Faulheit noch an seinen Fähigkeiten. Die Gründe können sehr unterschiedlich sein, und manchmal braucht es einfach Zeit, um herauszufinden, welche es in eurem konkreten Fall sind.
Was kann ich tun, um mein Kind zu motivieren, in meiner Sprache zu antworten?
Erstens: Versuche, die Kommunikation nicht zu unterbrechen und führe das Gespräch flüssig weiter. Antworte in deiner Sprache und greife dabei die Wörter auf, die dein Kind in der Umgebungssprache gesagt hat. So gibst du ihm ein Modell dafür, was es hätte sagen können, und zeigst ihm Wörter auf, die es vielleicht noch nicht kennt, die sich aber leicht aus dem Kontext ableiten lassen.
Damit dein Kind deine Sprache nicht nur versteht, sondern auch aktiv spricht, brauchst du eine Strategie.
Der erste Schritt ist, ein Lernumfeld zu schaffen, in dem dein Kind motiviert ist, sich in deiner Sprache auszudrücken – ohne Angst und ohne Druck. Ein Umfeld, in dem es die Sprache erwerben und erleben kann, dass es Spaß macht, deine Sprache zu sprechen. Dann wird das Kind auch spontan anfangen, sie mit dir zu sprechen.
Um das richtige Umfeld für die Entwicklung zu schaffen gibt es jedoch kein Patentrezept, das für alle passt. Jede Familie hat ihre ganz eigene Konstellation, und wir können sie uns gemeinsam anschauen, um die Strategie zu finden, die genau in eurer Situation realistisch ist und langfristig funktioniert.
Du musst es nicht ganz alleine schaffen!
Wenn dein Kind in seiner Umgebungssprache antwortet, bedeutet das nicht, dass du etwas falsch gemacht hast. Vielleicht brauchst du einfach mehr Klarheit, mehr Sicherheit und einen neuen, strukturierten Ansatz für die Mehrsprachigkeit in eurer Familie.
Wenn du gemeinsam mit mir eine maßgeschneiderte Strategie entwickeln möchtest, um dein Kind in der spezifischen Konstellation deiner Familie zweisprachig oder dreisprachig zu begleiten – anstatt gut gemeinten Ratschlägen zu folgen –, dann buche eine Beratung: Wir besprechen das gemeinsam.
Nicole Maina ist zertifizierte LingFLoWS®-Beraterin für Mehrsprachigkeit. Die Beratungen erfolgen online oder vor Ort in Pecetto Torinese bei Turin.