Mein Kind ist mehrsprachig und hat Dyslexie – was nun?
Als mehrsprachiges Elternteil hast du bereits viel zu koordinieren: zwei oder mehr Sprachen gleichzeitig vermitteln, Schulaufgaben in der Zweitsprache begleiten, kulturelle Brücken bauen. Und dann kommt die Diagnose: Dyslexie. Plötzlich tauchen Fragen auf, die sich anfühlen wie ein Knoten im Bauch. Macht die Zweisprachigkeit die Lese-Rechtschreib-Schwäche schlimmer? Sollten wir zu Hause nur noch eine Sprache sprechen? Haben wir als Eltern etwas falsch gemacht?
Die gute Nachricht: Die Antwort auf all diese Fragen ist beruhigender, als du vielleicht denkst.
Was ist Dyslexie – und was nicht?
Dyslexie (auch Lese-Rechtschreib-Schwäche oder LRS) ist eine neurobiologische Besonderheit, die die Verarbeitung von Schriftsprache erschwert. Betroffene Kinder haben Mühe, Buchstaben mit Lauten zu verknüpfen, Wörter zu dekodieren und flüssig zu lesen – unabhängig von ihrer Intelligenz oder ihrer Lernmotivation.
Wichtig zu verstehen: Dyslexie ist keine Krankheit, kein Versagen und kein Zeichen mangelnder Förderung. Sie ist eine andere Art, wie das Gehirn Sprache verarbeitet. Und sie ist vererbbar – wenn ein Elternteil betroffen ist, steigt die Wahrscheinlichkeit für das Kind deutlich.
Der Mythos: Mehrsprachigkeit verursacht Dyslexie
Einer der hartnäckigsten Mythen, mit dem mehrsprachige Eltern konfrontiert werden, lautet: „Zu viele Sprachen überfordern das Kind.“ Dieser Gedanke ist wissenschaftlich nicht haltbar.
Mehrsprachigkeit verursacht keine Dyslexie. Punkt.
Was passieren kann: Die Symptome der Dyslexie zeigen sich in jeder Sprache, die ein Kind lernt – also auch in der Zweit- oder Drittsprache. Das kann dazu führen, dass Schwierigkeiten zunächst der Mehrsprachigkeit zugeschrieben werden, obwohl sie eine andere Ursache haben. Umgekehrt wird Dyslexie bei mehrsprachigen Kindern manchmal später erkannt, weil Lehrer oder Fachleute davon ausgehen, dass Leseschwächen „normal“ seien, wenn ein Kind nicht in seiner Muttersprache unterrichtet wird.
Das bedeutet: Eine frühzeitige, fundierte Diagnose ist bei mehrsprachigen Kindern besonders wichtig.
Was Mehrsprachigkeit für Kinder mit Dyslexie wirklich bedeutet
Mehrsprachigkeit bringt kognitive Vorteile mit sich, die auch Kindern mit Dyslexie zugutekommen können: ein geschärftes Sprachbewusstsein, Flexibilität im Denken und ein breiteres Verständnis dafür, wie Sprache funktioniert. Kinder, die mit mehreren Sprachen aufwachsen, entwickeln oft eine feine Sensibilität für Klänge, Bedeutungen und Strukturen – eine Ressource, die in der Therapie gezielt genutzt werden kann.
Gleichzeitig ist der Weg nicht ohne Herausforderungen. In manchen Schriftsystemen ist Dyslexie leichter zu kompensieren als in anderen: Sprachen mit sehr regelmäßiger Rechtschreibung (wie Italienisch oder Spanisch) sind für Kinder mit Dyslexie oft leichter zugänglich als Sprachen mit unregelmäßiger Orthografie (wie Englisch oder Französisch). Das heißt nicht, dass dein Kind eine Sprache aufgeben soll – aber es hilft, die Erwartungen und die Lernbegleitung entsprechend anzupassen.
Was du als Elternteil tun kannst
1. Gib die Familiensprachen nicht auf. Viele mehrsprachige Eltern fragen sich, ob sie zu Hause auf eine Sprache wechseln sollten, um das Kind nicht zu überfordern. Die Antwort der Forschung ist klar: Verzichte nicht auf eure Mehrsprachigkeit und gib deine Sprachen an dein Kind weiter. Die emotionale Bindung, die durch die Muttersprache entsteht, ist ein wertvoller Anker – gerade für ein Kind, das in der Schule kämpft.
2. Suche Fachleute, die Mehrsprachigkeit verstehen. Bei der Diagnose und Therapie ist es entscheidend, Logopäden, Psychologen oder Lerntherapeuten zu finden, die Erfahrung mit mehrsprachigen Kindern haben. Eine Diagnose, die nur auf Basis der Schulsprache gestellt wird, kann unvollständig sein. Idealerweise werden die Kompetenzen des Kindes in beiden Sprachen berücksichtigt.
3. Mach Stärken sichtbar. Kinder mit Dyslexie erleben oft viele Misserfolge – in der Schule, beim Lesen, beim Schreiben. Dein mehrsprachiges Kind trägt bereits etwas Besonderes in sich: Es gehört zu zwei oder mehr Welten, denkt in verschiedenen Kulturen und kann Dinge ausdrücken, die andere nicht können. Diese Stärken bewusst zu benennen und zu feiern, ist keine Kleinigkeit – es ist Fundament für das Selbstbild deines Kindes.
4. Arbeite eng mit der Schule zusammen. Sprich offen mit den Lehrpersonen – über die Mehrsprachigkeit, über die Dyslexie, über das, was dein Kind braucht. In vielen Ländern – zum Beispiel Italien – haben Kinder mit Dyslexie Anrecht auf Nachteilsausgleich: mehr Zeit bei Prüfungen, Nutzung von Hilfsmitteln, alternative Bewertungsformen. Kenne diese Rechte und nutze sie.
5. Sei geduldig mit dir selbst. Du musst nicht alles wissen. Du musst nicht perfekt sein. Das Wichtigste, was du deinem Kind geben kannst, ist das Gefühl: Ich bin auf deiner Seite. Ich glaube an dich.
Mehrsprachigkeit kann ein Vorteil für Dyslexie sein
Legasthenie und Mehrsprachigkeit schließen sich nicht aus – sie können sogar auf überraschende Weise zusammenpassen. Viele Legastheniker berichten, dass ihnen das Erlernen einer weiteren Sprache geholfen hat, ihre eigene Muttersprache besser zu verstehen. Und viele mehrsprachige Menschen mit Legasthenie haben ihren Weg gefunden – als Unternehmer, Künstler, Wissenschaftler, Eltern.
Dein Kind trägt beides in sich: die Herausforderung der Dyslexie und den Reichtum der Mehrsprachigkeit. Beides gehört zu ihm. Beides macht es aus. Es gibt keinen Grund, auf eine Sprache zu verzichten!
Ich bin Nicole Maina, zertifizierte LingFLoWS®-Beraterin für mehrsprachige Familien. Ich arbeite mit Eltern mit zweisprachigen oder mehrsprachigen Kindern, und weiß aus eigener Erfahrung, was es bedeutet, ein Kind mit Lernschwächen zweisprachig zu begleiten.
Vereinbare ein kostenloses Kennenlerngespräch und lass uns gemeinsam herausfinden, welcher Weg der richtige für dein Kind und deine Familie ist.
—
Wichtigste wissenschaftliche Quelle: Nicole Maina, „Zweisprachigkeit und Legasthenie: Kann Zweisprachigkeit ein Vorteil für legasthenische Kinder sein?“, Ausbildungsarbeit für LingFLoWS®-Beraterinnen, Februar 2026. Unter Bezugnahme auf die Studien von Maria Vender und Mirta Vernice (2023) sowie auf die internationale Literatur zu Legasthenie und Zweisprachigkeit.
Wenn du den Verdacht hast, dass dein Kind Dyslexie haben könnte, wende dich an einen Kinderarzt, eine schulpsychologische Beratungsstelle oder einen spezialisierten Logopäden. Eine frühe Diagnose macht einen großen Unterschied.